Zum Inhalt springen

#2 Sitting in the Power: Eigene Präsenz wahrnehmen

Teil 2 hilft dir, die eigene Präsenz und persönliche Grenzen wahrzunehmen, ohne Körpergefühle vorschnell als fremde Energie zu deuten.

Bevor du spirituelle Eindrücke deutest, lohnt es sich, deinen eigenen Ausgangszustand kennenzulernen. In diesem Teil beobachtest du Körper, Stimmung, Gedanken und persönliche Grenzen – ohne Körpergefühle vorschnell als fremde Energie, Botschaft oder spirituelle Öffnung zu erklären.

Viele Menschen nutzen Begriffe wie „Energiefeld“, wenn sie Nähe, Anspannung, Stimmung oder persönliche Grenzen beschreiben. In dieser Serie verwenden wir den Begriff höchstens als persönliches spirituelles Arbeitsmodell. Er beschreibt keine nachgewiesene elektromagnetische Hülle und ersetzt weder medizinische Erklärungen noch eine fachliche Abklärung körperlicher oder psychischer Beschwerden.

Das praktische Ziel ist einfacher und hilfreicher: Du lernst zu bemerken, wie du dich vor, während und nach einer Situation fühlst. So kannst du eher unterscheiden, was gerade dein eigener Zustand ist, wann eine Begegnung dich beansprucht und wann du eine konkrete Grenze brauchst.

Warum dein Ausgangszustand wichtig ist

Wenn du Sitting in the Power übst, können Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und innere Bilder auftauchen. Ohne einen Eindruck davon, wie du dich vorher gefühlt hast, ist es leicht, jede Veränderung sofort einer äußeren oder spirituellen Ursache zuzuschreiben.

Ein einfaches Beispiel: Du kommst nach einem langen Arbeitstag nach Hause, setzt dich hin und bemerkst Schwere im Körper sowie Unruhe im Kopf. Wenn du diesen Zustand nicht vorher wahrnimmst, könntest du ihn später als „fremde Energie“ deuten. Vielleicht ist er aber auch mit Müdigkeit, Bildschirmarbeit, Stress, einer schwierigen Begegnung oder zu wenig Schlaf verbunden.

Du musst nicht beweisen, wodurch ein Eindruck entstanden ist. Es reicht zunächst, ihn korrekt zu beschreiben.

Eine hilfreiche Reihenfolge lautet:

  1. Wahrnehmen: Was spüre, denke oder fühle ich gerade?
  2. Beschreiben: Kann ich es schlicht und konkret benennen?
  3. Einordnen: Welche naheliegenden Ursachen kommen infrage?
  4. Handeln: Was brauche ich jetzt – eine Pause, Bewegung, ein Gespräch, Schlaf, Abstand oder Unterstützung?
  5. Deuten: Falls du eine spirituelle Bedeutung erwägst, behandle sie als persönliche Möglichkeit, nicht als Gewissheit.

Diese Reihenfolge verhindert nicht jede Fehlinterpretation. Sie gibt dir aber einen ruhigen, nachvollziehbaren Rahmen.

Was zu deiner eigenen Präsenz gehört

Mit „eigener Präsenz“ ist hier dein gegenwärtiger körperlicher, emotionaler und gedanklicher Zustand gemeint. Du musst ihn nicht perfekt verstehen. Es genügt, ihn schrittweise besser kennenzulernen.

Achte zum Beispiel auf diese vier Bereiche:

BereichMögliche BeobachtungenHilfreiche Beschreibung
KörperAtmung, Haltung, Temperatur, Muskelspannung, Müdigkeit, Schmerz„Meine Schultern sind angespannt.“
GefühleRuhe, Gereiztheit, Freude, Unsicherheit, Traurigkeit, Druck„Ich bin heute innerlich unruhig.“
GedankenGrübeln, Vorfreude, Selbstkritik, Ablenkung, Erinnerungen„Ich denke wiederholt an das Gespräch von heute.“
Bedürfnisse und GrenzenPause, Rückzug, Nahrung, Schlaf, Gespräch, Klarheit, Abstand„Ich brauche heute weniger Reize und eine kürzere Sitzung.“

Diese Beobachtungen sind konkret und persönlich. Sie verlangen keine spirituelle Erklärung.

Die Aussage „Ich werde in diesem Gespräch müde“ beschreibt zunächst eine Erfahrung. Die Aussage „Diese Person nimmt mir Energie“ legt bereits eine Ursache fest, die sich aus dem Erleben allein nicht ableiten lässt.

Müdigkeit kann viele Gründe haben: ein anstrengender Tag, soziale Anspannung, schlechte Luft, zu wenig Schlaf, körperliche Beschwerden, Konflikte, innere Erwartungen oder eine längere Gesprächsdauer. Eine spirituelle Deutung sollte deshalb nie als sichere Diagnose verwendet werden.

„Energiefeld“ als Arbeitsmodell

Der Begriff Energiefeld wird in spirituellen Kontexten unterschiedlich verwendet. Manche Menschen beschreiben damit ein Gefühl von Nähe, Abstand, Verbundenheit, Spannung oder Durchlässigkeit. Andere meinen damit eine Vorstellung von persönlicher oder spiritueller Energie.

Für diese Serie gilt eine klare Grenze: Du darfst den Begriff als persönliche Sprache für dein Erleben verwenden. Du solltest ihn nicht als gesicherte Erklärung für körperliche Symptome, psychische Belastungen oder das Verhalten anderer Menschen behandeln.

Das bedeutet beispielsweise:

  • „Ich fühle mich nach diesem Gespräch erschöpft“ ist eine konkrete und nützliche Beobachtung.
  • „Ich brauche jetzt Abstand und Ruhe“ ist eine mögliche, selbstverantwortliche Konsequenz.
  • „Die andere Person hat meine Energie angegriffen“ ist eine Behauptung über eine Ursache, die sich nicht allein aus deinem Gefühl beweisen lässt.

Diese Unterscheidung schützt dich und andere vor unnötiger Angst, Schuldzuweisung oder einer Deutung, die wichtige alltagstaugliche Lösungen verdeckt.

Übung: Deinen Ausgangszustand wahrnehmen

Diese Übung dauert etwa fünf Minuten. Sie hilft dir nicht dabei, etwas Besonderes zu erleben. Sie hilft dir dabei, Unterschiede zwischen vorher und nachher nüchtern zu beobachten.

Vor der Sitzung

Setze dich bequem hin. Stelle beide Füße auf den Boden oder finde eine stabile Sitzposition. Schau dich kurz im Raum um und entscheide dich für eine Dauer von fünf Minuten.

Bewerte anschließend drei Bereiche auf einer Skala von 0 bis 10:

Bereich0 bedeutet10 bedeutet
Körperliche AnspannungLocker und entspanntStark angespannt oder körperlich unruhig
Geistige UnruheKlar und wenig abgelenktStarkes Grübeln oder viele Gedanken gleichzeitig
Emotionale BelastungRuhig und ausgeglichenStark belastet, gereizt, traurig oder ängstlich

Schreibe die drei Werte auf. Sie sind kein Test und keine Diagnose. Sie helfen dir nur, einen Ausgangspunkt zu bemerken.

Während der Sitzung

  • Spüre für etwa eine Minute Füße, Hände, Sitzfläche und Atem.
  • Nimm für zwei Minuten wahr, was in Körper, Gedanken und Stimmung gerade da ist.
  • Bleibe für eine weitere Minute bei einer offenen Frage: „Wie fühlt es sich an, jetzt hier zu sein?“
  • Schließe die Sitzung bewusst ab: Öffne die Augen, bewege Hände und Füße und benenne drei Dinge im Raum.

Du musst nichts verändern. Versuche nicht, eine Zahl nach unten zu bringen oder einen besonders ruhigen Zustand zu erreichen.

Nach der Sitzung

Bewerte dieselben drei Bereiche erneut. Ergänze ein oder zwei schlichte Sätze:

  • Was habe ich konkret wahrgenommen?
  • Was hat sich verändert – oder ist gleich geblieben?
  • Was brauche ich jetzt im Alltag?

Zum Beispiel: Vorher: Anspannung 7, Unruhe 6, Belastung 5. Nachher: Anspannung 5, Unruhe 5, Belastung 5. Beobachtung: Schultern weiterhin angespannt, Atem etwas ruhiger. Nächster Schritt: Wasser trinken, kurz gehen, später früh schlafen.

Notiere nur die Veränderung. Schreibe nicht: „Ich habe fremde Energie losgelassen.“ Wenn du eine spirituelle Bedeutung erwägst, halte sie getrennt als persönliche Deutung fest.

Öffnen und Schließen als Aufmerksamkeitsregulation

In spiritueller Sprache wird häufig vom „Öffnen“ und „Schließen“ gesprochen. Du kannst diese Begriffe für eine sichere persönliche Praxis als Aufmerksamkeitsregulation verstehen.

Öffnen bedeutet: Du erlaubst dir, mehr von deinem momentanen inneren und äußeren Erleben wahrzunehmen. Schließen bedeutet: Du sammelst deine Aufmerksamkeit wieder bei Körper, Raum, Sinneseindrücken und einer konkreten Alltagshandlung.

Das ist keine Behauptung, dass sich ein energetisches Tor öffnet oder schließt. Es ist eine praktische Fähigkeit: Du entscheidest, wie weit und wie lange du deine Aufmerksamkeit richtest.

Aufmerksamkeit behutsam weiten

Du kannst die Aufmerksamkeit weiten, indem du gleichzeitig wahrnimmst:

  • Den Kontakt deiner Füße mit dem Boden
  • Den Atem
  • Geräusche im Raum
  • Die Temperatur auf der Haut
  • Die Sitzfläche unter deinem Körper
  • Gedanken oder Gefühle, die gerade auftauchen

Bleibe dabei orientiert. Du musst nicht versuchen, alle Eindrücke gleich stark wahrzunehmen. Es genügt, offen zu bemerken, was bereits da ist.

Wenn du merkst, dass offene Aufmerksamkeit dich nervös, fahrig oder unsicher macht, ist das kein Zeichen dafür, dass du „weiter öffnen“ solltest. Es ist ein Signal, die Aufmerksamkeit wieder zu sammeln oder die Übung zu beenden.

Aufmerksamkeit sammeln und schließen

Du kannst die Aufmerksamkeit wieder enger und alltagsnäher ausrichten:

  • Öffne die Augen.
  • Suche einen Gegenstand im Raum und beschreibe ihn innerlich: Farbe, Form, Abstand.
  • Spüre beide Füße am Boden.
  • Bewege Hände, Schultern oder Beine.
  • Benenne die nächste konkrete Handlung: „Ich trinke jetzt ein Glas Wasser“ oder „Ich gehe in die Küche.“

Diese Schritte bringen dich nicht „aus einer spirituellen Verbindung heraus“. Sie helfen dir, dich im Hier und Jetzt zu orientieren.

Atemwahrnehmung, Körperbeobachtung und einfache Sinneseindrücke werden in vielen Meditationsansätzen als direkte Anker genutzt. Meditation ist für viele gesunde Menschen risikoarm, kann bei manchen Personen aber auch Unruhe, intrusive Gedanken oder Angst verstärken. Dann ist es sinnvoll, die Übung zu verkürzen, mit offenen Augen zu praktizieren oder zu pausieren.

Persönliche Grenzen im Alltag

Eine persönliche Grenze ist kein Schutzritual. Sie ist eine konkrete Entscheidung darüber, was du in einer Situation brauchst und was du nicht möchtest.

Mögliche Grenzen können sein:

  • „Ich brauche jetzt eine Pause.“
  • „Ich kann heute nur kurz bleiben.“
  • „Darüber möchte ich gerade nicht sprechen.“
  • „Ich antworte morgen, nicht sofort.“
  • „Ich gehe kurz nach draußen.“
  • „Ich übe heute nicht, weil ich erschöpft bin.“
  • „Ich möchte eine Gruppe oder ein Gespräch früher verlassen.“

Solche Grenzen sind oft wirksamer als die Vorstellung, du müsstest fremde Energie abwehren. Sie geben dir Handlungsmöglichkeiten, ohne dass du andere Menschen als Ursache deiner Gefühle festlegen musst.

Eine gute Grenze ist nicht unfreundlich. Sie ist klar, verhältnismäßig und an deiner aktuellen Belastbarkeit orientiert.

Typische Fehlinterpretationen

„Ich bin nach einem Gespräch erschöpft – also muss die andere Person mir Energie genommen haben.“ Vielleicht war das Gespräch emotional fordernd, lang, konflikthaft oder fand statt, als du ohnehin müde warst. Prüfe zuerst naheliegende Faktoren und frage dich, welche konkrete Grenze dir beim nächsten Mal helfen würde.

„Mein Herz schlägt schneller – ich öffne mich spirituell.“ Herzrasen kann viele körperliche und psychische Ursachen haben, etwa Stress, Angst, Koffein, Infekte oder andere medizinische Faktoren. Deute es nicht als spirituelles Zeichen und lass es bei wiederholtem oder starkem Auftreten medizinisch abklären.

„Ich fühle mich leer – ich muss mich energetisch schützen.“ Vielleicht brauchst du Essen, Trinken, Schlaf, Rückzug, Bewegung, ein Gespräch oder eine Pause von Reizen. Beginne mit solchen grundlegenden Bedürfnissen, bevor du eine spirituelle Erklärung suchst.

„Ich denke nach der Sitzung an jemanden – diese Person sendet mir sicher etwas.“ Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen sind normale mentale Ereignisse. Notiere sie als Gedanken. Du musst daraus keine Aussage über die Absicht oder den Zustand einer anderen Person ableiten.

Wann körperliche oder psychische Symptome abgeklärt gehören

Sitting in the Power ist keine medizinische oder psychotherapeutische Methode. Wiederkehrende oder starke Beschwerden sollten nicht als Energieverarbeitung, spirituelle Öffnung oder Einfluss anderer Menschen erklärt werden.

Lass Beschwerden fachlich abklären, besonders wenn sie neu, stark, wiederkehrend oder belastend sind, zum Beispiel:

  • Wiederkehrendes oder starkes Herzrasen
  • Brustschmerz, Atemnot, Schwindel oder Ohnmacht
  • Starke oder ungewöhnliche Kopfschmerzen
  • Anhaltende Erschöpfung oder deutliche Schlafprobleme
  • Zunehmende Angst, Panik oder belastende Erinnerungen
  • Realitätsunsicherheit, Dissoziation oder das Gefühl von Kontrollverlust
  • Beschwerden, die Arbeit, Beziehungen oder Alltag deutlich beeinträchtigen

Bei akuten oder schweren Beschwerden solltest du medizinische Notfallhilfe nutzen. Bei psychischer Krise, Selbstgefährdung oder dem Gefühl, nicht sicher zu sein, hole dir unverzüglich professionelle Krisenhilfe.

Meditation und Entspannungsübungen ersetzen keine medizinische Behandlung. Bei bestehenden körperlichen oder psychischen Erkrankungen sollte eine stille Praxis an die individuelle Situation angepasst und gegebenenfalls mit behandelnden Fachpersonen besprochen werden.

Für die nächsten Serienteile

In diesem Teil hast du gelernt, deinen eigenen Zustand vor und nach einer Sitzung nüchtern wahrzunehmen. Das ist die Grundlage für den nächsten Schritt: Eindrücke nicht nur zu bemerken, sondern Wahrnehmung, Gefühl, Interpretation und Entscheidung sauber auseinanderzuhalten.

Wenn du dich während oder nach der Praxis überfordert, stark unruhig oder nicht mehr klar orientiert fühlst, pausiere und nutze zuerst die Sicherheitsregeln für Sitting in the Power.

Weiter in der Serie

Dieser Artikel ist Teil der Serie Sitting in the Power. Vollständiger Einstieg: Was ist Sitting in the Power?